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RottenNeighbor.com – die negative Seite des Web2.0?

Sachliche Beurteilungen von Unternehmen oder Dienstleistern durch Internetnutzer, wie sie bei dialo.de, kennstdueinen.de oder Qype.com und Co. möglich sind, sind die eine Sache – Portale, die regelrechtes Cybermobbing gestatten, eine ganz andere.

RottenNeighbor.comRottenNeighbor.com (was übersetzt werden kann mit „mieser Nachbar“) ist so eine Seite. Sie wurde vor etwas mehr als einem Jahr von dem US-Amerikaner Brant Walker ins Leben gerufen, und sie sieht sich selbst als weltweit erste Suchmaschine, die es Usern erlaubt, Nachbarn zu beurteilen und zu bewerten – positiv wie negativ. Dadurch soll man sich schon vor dem Kauf einer Wohnimmobilie über die potenzielle neue Nachbarschaft informieren oder andere Nutzer vor schlechten Nachbarn warnen können.

Allerdings verwenden die meisten User diesen Dienst vor allem, um mit ihnen verhassten Menschen abzurechnen, sie zu diskriminieren, denunzieren und zu verleumden – egal, ob Nachbar, Kollege, Ex-Partner oder Konkurrent. Und so trifft dieser Online-Pranger mittlerweile Privatpersonen ebenso wie Geschäftsleute. Dazu nutzt RottenNeighbor.com das Kartenmaterial von Google Maps. Nach der Eingabe einer Adresse in die Suchmaske erscheint der gewünschte Ort auf der Karte. Die Anschrift jeder bereits beurteilten Person ist mit einem Haussymbol versehen – dabei steht rot für „mieser Nachbar“ und grün für „guter Nachbar“. Bei einem Klick auf das Zeichen öffnet sich ein Fenster mit einem meist völlig niveaulosen Eintrag eines nicht identifizierbaren Users zu den Bewohnern des markierten Hauses.

Ganz abgesehen davon, dass man dadurch die genaue Adresse der beschimpften Personen ohne weiteres feststellen kann, schrecken viele Nutzer auch nicht davor zurück, den vollen Namen des Beschuldigten zu nennen, während sie selbst anonym bleiben. Auch Bilder oder Videos von der denunzierten Person können eingestellt werden. All dies wird von dem Betreiber nicht redaktionell bearbeitet, sondern landet ungeprüft im Web.

Seit ein paar Monaten erfreut sich RottenNeighbor.com auch in Deutschland stetig wachsendem Interesse. Die Zugriffszahlen stiegen in den letzten Wochen so sehr, dass die Server Anfang September überlastet waren, und das Portal von Deutschland aus für einige Tage nicht mehr zu erreichen war. Mit den Zugriffen wuchs auch die Zahl der Kommentare zu deutschen Mitbürgern enorm. Inzwischen gibt es kaum noch eine deutsche Stadt auf der virtuellen Landkarte, in der man nicht ein paar grüne und mehrere rote Häuschen mit zumeist beleidigenden Kommentaren findet.

Wer auf dieser Webseite diffamiert wird, und das kann jeden treffen, kann sich im Grunde nicht wehren. Auch wenn man dagegen wegen Rufschädigung und übler Nachrede vorgehen und sogar auf Schadensersatz oder Schmerzensgeld pochen könnte, ist es äußerst schwierig, den jeweiligen Denunzianten herauszufinden. Denn zum einen werden die Beschuldigungen anonym abgegeben und zum anderen sitzt der Betreiber des Portals in den USA, und dort gelten andere Datenschutzrichtlinien und Ansichten zur Meinungsfreiheit als hier. Zwar kann man einen Beitrag entfernen lassen, aber das dauert seine Zeit und schützt nicht vor neuen Beleidigungen.

Während es bei anderen Bewertungsplattformen um sachliche Kritik an Angeboten oder Produkten, Dienstleistungen oder Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Funktion der beurteilten Person geht, stehen bei RottenNeighbor.com vor allem Privatpersonen im Zentrum des Interesses. Hier werden Streitigkeiten und Rachegelüste öffentlich ausgelebt. Der Nutzen dieser Plattform ist daher mehr als fragwürdig, zudem der Wahrheitsgehalt der Kommentare als recht gering einzuschätzen ist. Der persönliche Schaden, der mit dem Portal angerichtet werden kann, ist dagegen vielleicht unermesslich groß.

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